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Die rätselhafte Farbe des Kleides

Teilnehmerinnen und Teilnehmer der science on stage zum Thema Hirnforschung. "Blau-Schwarz" oder "Gold-Weiß?" Über die Farbe des Kleides war sich das Publikum bei der Veranstaltung "science on stage" uneins. Obwohl sie das gleiche Hochzeitskleid sahen, hatte dieses nicht für alle Besucher dieselbe Farbe. Darüber wunderten sich die sieben Schülerinnen und Schüler, die an der Veranstaltung zum Thema "Hirnforschung – was können wir wissen?" am 27. November 2018 in der Bundeskunst- und Ausstellungshalle teilnahmen.

Sie diskutierten heftig, doch bevor es zum Streit kam, brachte Sarah Weigelt, Professorin für Entwicklungsneuropsychologie und Rehabilitationswissenschaften der TU Dortmund, die Auflösung des Rätsels: Das Kleid war tatsächlich Blau-Schwarz.

Aber keine Angst! Die zahlreichen Besucher, die das Kleid als Weiß-Gold wahrgenommen haben, litten nicht an einer Störung in der Farbwahrnehmung. Sie hatten lediglich individueller Erfahrungswerte der einzelnen Gehirne in Bezug auf Beleuchtung. Dadurch kam der Farbeindruck Gold-Weiß zustande.

Nun stellt sich natürlich die Frage: "Was können wir wirklich wissen?" Ein Antwort darauf suchten Moderatorin Cécile Schortmann (HR und 3sat) und die Podiumsteilnehmer Sascha Benjamin Fink (Juniorprofessor für Neurophilosophie der Universität Magdeburg), John-Dylan Haynes (Direktor des Berlin Center for Advanced Neuroimaging), Gerd Kempermann (Professor für Genomik der Regeneration der TU Dresden) und Sarah Weigelt.

Glaubt man Kant, so ist das Ding an sich nicht erkennbar. Oder in den Worten von Sascha Benjamin Fink: Erkenntnis ist erst mal subjektiv. Wie das Beispiel mit dem Kleid zeigt, sind es unsere Interpretationen, die von subjektiven Erfahrungen beeinflusst werden.

Dabei sind sich alle einig, dass das menschliche Gehirn zu den komplexesten Strukturen im Universum zählt. Milliarden von Nervenzellen organisieren sich in Netzwerken und steuern, was wir wahrnehmen, denken, fühlen und tun. Nur was wissen wir wirklich über dieses rätselhafte Organ?

Moderne Untersuchungsmethoden fanden heraus, dass Motorik und Sensorik eng miteinander verknüpft sind. Das bedeutet, Bewegung unterstützt das Lernen. Oder anders gesagt: Lauf dich klug. Mitschreiben hilft beim Lernprozess. Dabei kommt es nicht zwingend auf das zweite Lesen des selbst angefertigten Textes an, sondern darauf, dass man den Inhalt mit einer Bewegung selbst geschrieben hat. Diese Bewegung fördert die Verknüpfung von Nervenzellen, sogenannter Neuronen. "Was wir Erinnern hängt vom Hypocampus ab", erklärte Gerd Kempermann. Der Hypocampus sei eine Struktur in unserem Gehirn, die entscheidet, welche Sinneswahrnehmung ins Langzeitgedächtnis kommen und welche nicht. Hier werden lebenslang neue Nervenzellen gebildet.

Bewegung schütz auch vor Alterungsprozessen. So bleibt man durch Tanzen nicht nur motorisch, sondern auch geistig beweglich im Alter. Mit achtzehn Jahren hat man die höchste Anzahl von Nervenzellen. "Der Verlust von Nervenzellen bedeute aber nicht zwingend den Verlust von Fähigkeiten", ergänzte John-Dylan Haynes. Es komme auf die Verknüpfungen im Gehirn an. Haynes arbeitet mit bildgebenden Verfahren. Er schaut dem Gehirn live beim Denken zu. Durch so einen "Hirnscann" kann er 7 bis 10 Sekunden vorhersehen, wie ein Mensch sich entscheiden wird. Das Gehirn bahnt Entscheidungen an. Entscheidungen werden so gefällt, wie sie im Gehirn vorstrukturiert werden. Wo bleibt da der freie Wille? Und mit einem weiteren Mythos räumt Haynes auf: Die Bauchentscheidung gibt es nicht. Die Magenregion ist im Gehirn repräsentiert. Hier werden die Entscheidungen getroffen, nicht im Bauch.

Text und Foto: S. Kunze

   

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